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Werner Krauss, im Jahre 1900 in Stuttgart-Rohr geboren, gehört zu den herausragenden deutschen Philologen des 20. Jahrhunderts. Als Schüler von Karl Vossler in München und dann von Erich Auerbach in Marburg – an den ihn Karl Vossler weiterempfohlen hatte – schlug er zunächst den Weg der hispanistischen Forschungen ein. Bereits seine ersten Schriften zeigen, wie Werner Krauss das Verhältnis von Welt und Wirklichkeit auffaßte: In der von ihm herausgegebenen Anthologie Junges Spanien (1925) setzte er grundsätzlich auf die Positionen des Gegenwärtigen und einer geschichtsbewußten Moderne. In seiner Dissertation untersuchte er die Bilder von tätigen Leben in der Literatur des spanischen Mittelalters. Damit hat er praktisch die Spannbreite seines literaturgeschichtlichen Interesses gekennzeichnet: Von den Anfängen der jeweiligen Nationalliteratur bis in die vielfach von politischen Kämpfen gekennzeichnete Gegenwart sollte der Blick des Philologen schweifen.
Werner Krauss’ Forderung nach einer Literaturwissenschaft, welche die Erforschung der Bilder des realen Lebens, der tatsächlichen Artikulationen des Menschen in der Literatur zum Gegenstand hat, unterstrich er mit seiner letzten großen Studie über das anthropologische Denken im 18. Jahrhundert. Dieses Vermächtnis scheint ein dauerhafter Impuls für die heutige Forschung zu sein: Literaturgeschichte als geschichtlichen Auftrag zu verstehen und zu betreiben. Im Zentrum einer solchen Literaturgeschichte steht der sich poetisch artikulierende Mensch, seine Wahrnehmungen von seinem Leben und die Bilder, die er von diesem Leben entwirft.
All dies mögen Indikatoren dafür sein, daß sich die Auseinandersetzung mit Werner Krauss immer noch lohnen könnte. Die Werner-Krauss-Vorlesungen sollen die Probe aufs Exempel sein.